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80 Jahre Fränkische Nachrichten

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Grußwort

Von Druck bis Auslieferung: Wie die Zeitung zu den Lesern kommt

Blick hinter die Kulissen: In Mannheimer werden die vier Ausgaben der Fränkischen Nachrichten gedruckt. Der Weg von der freigegebenen Seite bis zur Auslieferung nach Tauberbischofsheim zeigt eine perfekt getaktete Nachtlogistik. Von Maren Greß

Mittwochabend, 18 Uhr. In der Druckerei des „Mannheimer Morgen“ in der Dudenstraße herrscht so etwas wie die Ruhe vor dem Sturm. Während sich nach und nach die Kollegen aus den anderen Abteilungen in den Feierabend verabschieden, geht dort die Arbeit nämlich erst richtig los. Um 18.45 Uhr beginnt unter der Woche der Andruck der Fränkischen Nachrichten. „So früh schon?“ Mag sich der ein oder andere denken. Ja, und das hat unter anderem logistische Gründe. Denn die Zeitungen müssen danach noch verpackt, verladen, mit Autos zu Zustellern gebracht und ausgetragen werden. Wie dieser Prozess von der Abgabe der letzten Seite durch die Redaktion bis zur Auslieferung an die Zusteller funktioniert, habe ich mir vor Ort in Mannheim angeschaut. Guido Moch, der technische Leiter von Produktsteuerung, Rotation und Versand, führt mich durch die großen Hallen. Wenn die Seite von der Redaktion für den Druck freigegeben wird, landet sie erst einmal noch auf dem Rechner der Produktsteuerung – in der sogenannten Control-Abteilung. Wie der Name schon verrät, kontrollieren die Mitarbeiter die Seiten noch einmal, bevor sie endgültig für den Druck freigegeben werden. Das passiert alles digital über den PC. Erst wenn es von dort das „Go“ gibt, werden die Druckplatten erzeugt. Dabei werden die digitalen Druckdaten direkt auf die Aluminiumplatten belichtet. Der diensthabende Drucker holt die fertigen Platten ab und sortiert sie passend nach Seitenzahlen in eine Art Regal ein. Von dort zieht sich der Roboter die Platten und setzt sie an die korrekte Stelle in der Druckmaschine ein. „Wir drucken im sogenannten Offset-Verfahren“, erklärt Guido Moch. Das Verfahren beruht dabei auf einem einfachen chemischen Prinzip: Der Abstoßung von Fett und Wasser.

Die Qualitätskontrolle erfolgt durch den Fachmann

Vieles funktioniert während des Druckens zwar automatisch. Die Qualitätskontrolle bleibt dabei aber weiter in den Händen des Fachmanns. Mehrmals holt er sich eine frische Zeitung aus dem Stapel und kontrolliert die Farben. Bei Bedarf kann er diese noch korrigieren. Auch wird geprüft, ob die Seiten die richtige Reihenfolge haben. Der Druck der knapp 17.000 Exemplare aller vier FN-Ausgaben dauert etwa eine Stunde. Es ist inzwischen kurz vor 20 Uhr. An sogenannten Klammerketten werden die Zeitungen „fliegend“ weiter in die Versandabteilungen transportiert. Dort werden sie gegebenenfalls mit Beilagen und Prospekten bestückt, bevor sie auf Stapel gebündelt werden. Jetzt beginnt die Arbeit von Bernd Schmidt und seinem Team. Sie sorgen dafür, dass die Zeitungen von Mannheim zu den einzelnen Orten im Verbreitungsgebiet transportiert werden. Bevor die Zeitungsstapel ins Auto geladen werden, sortieren die Mitarbeiter sie noch passend nach Ortschaften und Straßen. So haben sie es später leichter, wenn die Zeitungen an die Zusteller ausgeliefert werden. Man merkt: Die machen das nicht erst seit gestern. Ohne einen Blick auf die Liste zu werfen, werden die Zeitungen abgezählt, gebündelt und ins Auto geladen.

Wenn das Arbeiten mitten in der Nacht nicht stört

Gegen 20.30 Uhr rollt das erste Fahrzeug in Mannheim vom Hof. Ich fahre mit Benjamin Kleibrink zurück. Bevor wir losfahren, wirft er noch einen Blick aufs Navi: Am späten Nachmittag hatte es einen schweren Unfall auf der A6 gegeben, inklusive Vollsperrung. Aber die Strecke ist inzwischen wieder frei. Wir können über die Autobahn zurückfahren. Ich bin mindestens genauso fasziniert von Benjamins Job, wie er von meinem. Eigentlich, erzählt der 35-Jährige, ist er Austräger. Er fährt nur aushilfsweise, wenn gerade Bedarf ist. Das Arbeiten mitten in der Nacht, wenn andere schlafen, mache ihm nichts aus. „Ich habe davor schon Nachtschicht gearbeitet. Und gerade im Sommer ist das toll, denn um diese Uhrzeit ist es meistens angenehm“, sagt er. In Heilbronn müssen wir kurz von der Autobahn abfahren. Wir haben einen Pack Zeitungen dabei, der mit der Post verschickt wird. Der wird dort direkt ins Verteilzentrum gebracht. Um kurz nach 22 Uhr schmeißt mich Benjamin am Autobahnparkplatz in Osterburken raus. Während ich total platt bin und mich in den Feierabend verabschiede, fängt für ihn die Arbeit gerade erst an: Nachdem er die Zeitungen am Umschlagplatz in Tauberbischofsheim abgeliefert hat, fährt er nach Assamstadt und startet dort seine Tour als Austräger.

Der Drucker überprüft, ob die Seiten die richtige Reihenfolge haben.

Die Qualitätskontrolle bleibt trotz Automatisierung in den Händen des Druckers. Er überprüft die Farben und kann sie gegebenenfalls anpassen.

An den sogenannten Klammerketten werden die Zeitungen „fliegend“ in die Versandabteilung transportiert. Dort können sie noch mit Beilagen bestückt werden.

Die Zeitungen werden auf Stapel gebündelt und in die Autos verladen.

Das Auto ist vollgeladen mit Zeitungen. Von Mannheim werden sie nach Tauberbischofsheim und dann weiter zu den Zustellern transportiert.

Blick in das Papierlager. Auf einer Rolle sind rund 22 Kilometer Papier.

„Der Journalismus ist und bleibt menschlich“

Seit 2021 ist Fabian Greulich Chefredakteur der Fränkischen Nachrichten. Im Interview bezeichnet er sich dienstlich gesehen als „immer empfangsbereit – auf allen Kanälen“. Empfänglich ist er aber auch stets für eine gute Tasse Cappuccino – gerne mit einem Schuss Schokolade. Dann klappt der „Dauersprint“, in dem er sich mit seinem Team tagtäglich befindet, einfach noch besser.

Sabine Holroyd: Fabian, du bist der erste Chefredakteur einer Tageszeitung in Deutschland, von dem es einen AI-Avatar gibt. Als „Avatar Fabian“ präsentierst du ausgewählte Nachrichten aus der Region. Was war dein erster Gedanke, als du deinen Avatar sahst?

Fabian Greulich: Ich war erschrocken und fasziniert zugleich. Ich glaube, das ist in Zusammenhang mit der Nutzung von Künstlicher Intelligenz (KI) eine ganz typische Reaktion. Da ich aber selbst einer derjenigen war, die die Idee zur Erschaffung meines digitalen Doppelgängers hatten, überwog natürlich die Faszination. Und die Freude darüber, gemeinsam mit dem Team etwas sehr Innovatives erschaffen zu haben.

Gibt es Leute, die glauben, dein Avatar wärest wirklich du selbst?

Greulich: Natürlich werde ich seit dem Projektstart bei Terminen und Konferenzen immer wieder scherzhaft gefragt, ob ich es wirklich bin, oder ob ich meinen Avatar geschickt habe. Ob tatsächlich jemand glaubt, diese immer gleich gekleidete, leicht unscharfe Person im Internet wäre wirklich ich, kann ich nicht sagen. Auffällig ist allerdings, dass mein Avatar bereits einen hohen Bekanntheitsgrad erlangt hat. Bei unseren Lesern und Followern, aber auch in der gesamten Medienbranche. Besonders freut mich die hohe Akzeptanz. Der Avatar ist zwar per KI erzeugt. Die Nachrichten aber kommen von unseren Reportern. Der Journalismus ist und bleibt menschlich. Das wird auch so verstanden - ein ganz wichtiger Punkt.

Dieses audiovisuelle Nachrichtenformat ist das beste Beispiel, wie sehr sich die Fränkischen Nachrichten im Laufe ihrer 80-jährigen Geschichte verändert haben. Was ist es für ein Gefühl, Chefredakteur dieser Zeitung zu sein?

Greulich: Mit einem Wort? Stolz. Das beschreibt eigentlich meine gesamte Karriere bei den FN. 1999 war ich unheimlich stolz, Volontär dieses Medienhauses zu werden. 2001 wuchs dieses Gefühl mit der Übernahme als Redakteur und 2016 mit der Ernennung zum Redaktionsleiter weiter. So gesehen platze ich heute fast vor Stolz, seit 2021 Chefredakteur der Fränkischen Nachrichten sein zu dürfen. Ich habe eine großartige Redaktionsmannschaft, die den durchaus herausfordernden Weg des Wandels und der Transformation geschlossen mit mir geht.

Mit Blick auf die von Dir angesprochenen Veränderungen kommen aber noch ein paar weniger romantische „Gefühle“ hinzu: Verantwortung, Herausforderung, Offenheit, Transparenz, Flexibilität und Innovation sind da die ersten Schlagworte, die mir einfallen.

Ist das heute anders als früher?

Greulich: Die Medienbranche war schon immer im Wandel. Allerdings hat sich die Schlagzahl der Veränderungen durch die Digitalisierung und den allgemeinen technischen Fortschritt massiv erhöht. Sprichwörtlich unterscheidet man gerne zwischen Sprint und Dauerlauf. Wir befinden uns in einem Dauersprint.

Früher gab es nur Print. Heute machen wir Zeitung auf vielen verschiedenen Kanälen, in unterschiedlichen Formaten und für individuelle Nutzergruppen. Web, Print, Social Media, Ticker, Video, Push-Nachricht, Avatar – da kann man schon mal durcheinanderkommen. Darf man aber nicht, denn als seriöse Tageszeitung stehen wir auf all diesen Kanälen für faktenorientierten, sauber recherchierten Qualitätsjournalismus.

Du hast während der Pandemie auch täglich eine Kolumne über den Alltag im Lockdown geschrieben. Diese 58 Kolumnen kamen so gut an, dass sie unter dem Titel „Corona, meine Familie und ich“ als Buch veröffentlicht wurden. Wie blickst du heute auf diese Zeit zurück?

Greulich: Ich bin manchmal erstaunt, wie schnell man diese Zeit vergisst - vielleicht auch verdrängt. Dann lese ich zwei oder drei Kolumnen aus meinem Buch und bin wieder mittendrin in dieser wahnsinnig intensiven Corona-Welt, die uns allen so viel abverlangt hat. Es ist auf keinen Fall so, dass ich diese Zeit vermisse. Niemals. Aber: Es war ein so unglaublich intensiver Lebensabschnitt, der bei all dem Leid in der Welt, den Entbehrungen, den Ängsten und Sorgen auch Spuren hinterlassen hat, die ich heute als positiv bezeichnen würde. Meine kleine Familie (Mama, Papa, Sohn, Tochter, Dackel) hat – wie Millionen andere Familien auch – eine so von Zusammenhalt, Demut, Verzicht, Solidarität, Zuversicht und nicht zuletzt Liebe geprägte Zeit erlebt, die bleibende Spuren hinterlassen hat. Meine 58 Kolumnen kamen zwischen dem 20. März und 30. Mai 2020 mitten aus dem Leben meiner Familie. Darin haben sich ganz viele Menschen wiedergefunden. Und wenn man das Buch heute durchblättert, ist das noch ganz genauso. Zu meinen Lieblingskapiteln zählen übrigens Tag 27 („Systemrelevant: Die Familie“) und Tag 39 („Wenn Corona vorbei ist“).

Das Buch „Meine Familie, Corona und ich“ ist übrigens nach wie vor sowohl als E-Book als auch in gedruckter Form bei Amazon erhältlich.

Welche Überschrift beschreibt deinen Arbeitsalltag am besten?

Greulich: Das fällt mir jetzt schwer. „Immer empfangsbereit - auf allen Kanälen“ vielleicht? Da steckt aus meiner Sicht mehr drin, als es sich der Leser vielleicht vorstellen kann. Deshalb freue ich mich einfach auf die Überschrift über diesem Interview. Die passt sicher hervorragend.

Was darf nie auf deinem Schreibtisch fehlen?

Greulich: Tatsächlich ist das die Kaffeetasse – gefüllt, versteht sich. In diesem Punkt erfülle ich jedes Journalistenklischee. Ich habe einen überaus hohen Verbrauch an Cappuccino (mit Schoko). Außerdem steht auf meinem Schreibtisch schon immer eine Miniatur vom Blecker, der Symbolfigur der Faschenacht in Buchen, wo meine FN-Karriere 1999 als Volontär begann. Täglich neu auf dem Tisch habe ich natürlich ein gedrucktes Exemplar aller vier Lokalausgaben der FN. Und mein Telefon plus Handy plus Diensthandy.

Du bist ein „Eigengewächs“ der Fränkischen Nachrichten. Hattest du nie den Gedanken, diese Gegend hier zu verlassen und vielleicht bei einer großen Zeitung oder einem Magazin anzuheuern?

Greulich: Gedanken hatte ich schon, und auch die Gelegenheiten. Allerdings hatte ich letztlich nie den Willen. Vielleicht war ich einfach immer zu stolz, Teil der FN-Familie zu sein (lacht). Im Ernst, es gibt keinen schöneren Beruf, als Lokaljournalist in seiner Heimatregion zu sein.

Wie stellst du dir diese Zeitung in zehn Jahren vor? Was wünschst du ihr?

Greulich: Unsere Aufgabe bleibt dieselbe: Orientierung geben, Fakten prüfen, Macht kontrollieren und gute Geschichten erzählen. Aber wir tun das auf noch mehr Wegen als heute. Qualitätsjournalismus darf dabei jedoch nicht als kostenloses Nebenprodukt des Internets betrachtet werden. Vielmehr gilt: Nicht die Schnellsten gewinnen, sondern die Vertrauenswürdigsten. KI wird als Werkzeug unterstützen, den Journalismus aber nicht verdrängen oder manipulieren. Unverändert werden die Fränkischen Nachrichten daher das Medienhaus der Region Tauber-Odenwald sein, denn die Menschen wollen wissen, was vor Ihrer Haustür passiert – verlässlich und unabhängig.

Ich wünsche mir, dass wir in zehn Jahren noch immer Geschichten veröffentlichen, über die Menschen morgens beim Kaffee diskutieren.

Zwischen KI, Kreativität und Kundennähe

Jürgen Harth ist der Leiter Digital bei den FN. Im Interview berichtet er von den vielfältigen Aufgaben und den spannenden Chancen, die sich ihm und seinem Team tagtäglich bieten. Von Sabine Holroyd

Jürgen, was gehört alles zu Deiner Arbeit und der Deines Digital Teams bei FN Media dazu?

Jürgen Harth: Wir entwickeln gemeinsam mit unseren Kunden digitale Werbe- und Kommunikationslösungen, die zu dem betreffenden Unternehmen und Zielen passen. Uns ist wichtig den Kunden und seinen Bedarf ganzheitlich anzuschauen und nicht einfach Standardprodukte zu verkaufen. Das kann ganz unterschiedlich aussehen: von der Entwicklung einer Website über Suchmaschinenoptimierung – also Maßnahmen, damit ein Unternehmen bei Google besser gefunden wird – bis hin zur Betreuung von Suchmaschinenwerbung, also bezahlten Anzeigen bei Google. Gerade in Zeiten von KI-gestützten Suchergebnissen wird das immer wichtiger. Dazu kommen Videoproduktion, Fotografie und auf Wunsch auch die komplette Betreuung von Social-Media-Kanälen auf Facebook oder Instagram. Neben der Beratung arbeiten bei uns auch Social-Media-Spezialisten und Content-Creator im Team – also Kolleginnen und Kollegen, die Texte, Bilder oder Videos erstellen und digitale Auftritte aktiv mitgestalten. Viele unserer Lösungen funktionieren dabei auch deutschlandweit – und gleichzeitig sind wir für unsere Kunden hier vor Ort persönlich ansprechbar.

Was macht Eure Tätigkeit so besonders?

Harth: Unsere Arbeit lebt von ihrer Vielfalt. Kein Kunde, kein Projekt und kein Tag ist wie der andere. Genau das macht es so spannend. Wir müssen uns immer wieder auf neue Themen, Ziele und Menschen einstellen: Mal geht es um eine Website, mal um eine Kampagne, mal um Fotos, Videos oder Social Media. Dabei braucht es nicht nur fachliches Wissen, sondern auch ein gutes Gespür für Menschen. Gerade bei Foto- oder Videodrehs ist es wichtig, eine angenehme Atmosphäre zu schaffen, damit authentische Ergebnisse entstehen. Besonders beeindruckend sind für mich die vielen Inhaber, Mitarbeiter sowie Auszubildenden, denen wir in unserer täglichen Arbeit begegnen – mit guten Ideen, spannenden Geschäftsmodellen und viel Persönlichkeit.

Welche Rolle spielt KI bei Eurer Arbeit?

Harth: Künstliche Intelligenz wird auch in unserem Bereich immer wichtiger. Sie hilft zum Beispiel dabei, Daten schneller auszuwerten, Zielgruppen besser zu verstehen oder Inhalte effizienter vorzubereiten. Für uns ist KI aber vor allem ein Werkzeug. Ideen, Erfahrung und das Verständnis für die Bedürfnisse unserer Kunden kommen weiterhin von Menschen. Gute Beratung lebt auch in Zukunft vom persönlichen Austausch und von Vertrauen.

Wie schafft ihr den Spagat zwischen schneller Umsetzung und maßgeschneiderten digitalen Lösungen?

Harth: Digitale Kommunikation ist heute oft sehr schnell. Gleichzeitig erwarten Kunden zu Recht keine Lösungen von der Stange, sondern Angebote, die wirklich zu ihrem Unternehmen passen. Genau das ist ein wichtiger Teil unserer Arbeit: Wir verbinden Tempo mit genauer Beratung. Wir hören gut zu, verstehen den Bedarf und entwickeln daraus Lösungen, die nicht nur schnell umsetzbar sind, sondern auch langfristig Wirkung entfalten.

Neben Deiner Arbeit bist Du auch in die Weiterentwicklung von fnweb.de, E-Paper und News App eingebunden. Wie muss sich eine Zeitung wie die FN digital verändern, um relevant zu bleiben? In welche Richtung geht die weitere Reise?

Harth: Eine Zeitung wie die FN muss sich dort weiterentwickeln, wo die Menschen heute Informationen nutzen: digital, mobil und auf unterschiedlichen Kanälen. Es reicht nicht mehr, Inhalte nur in einer Form anzubieten. Wichtig ist, nah an den Bedürfnissen der Nutzer zu sein und gleichzeitig die eigene Stärke zu bewahren. In der News App verbessern wir die Lesbarkeit der Inhalte und integrieren Videos aus unserem fnlive-YouTube-Kanal, um ein möglichst ganzheitliches Informationserlebnis zu schaffen. Daneben können sich Nutzer kostenlos über Veranstaltungen informieren oder an die Leerung ihrer Mülltonnen erinnern lassen. In der E-Paper-App gibt es eine tolle Vorlesefunktion für unsere Artikel. Solche zusätzlichen Services machen digitale Angebote im Alltag noch relevanter.

„Bei uns gleicht kein Tag dem anderen“

Der Leiter der FN-Mediavermarktung, Marco Kraus, äußert sich über die Chancen und Herausforderungen in seinem Beruf und erklärt, warum seine Tätigkeit auch „ganzheitlich“ ist.

Marco, der Satz des bekannten Wirtschaftswissenschaftlers Philip Kotler, „Marketing ist die Kunst, Chancen aufzuspüren, sie zu entwickeln und davon zu profitieren“, steht bei deinem LinkedIn-Profil. Dann bist du also nicht nur Leiter der Mediavermarktung, sondern auch „Künstler“, oder?

Marco Kraus: Absolut – wobei ich Kunst in dem Zusammenhang eher als die Fähigkeit sehe, Menschen, Märkte und Entwicklungen richtig zu verbinden. Mediavermarktung ist heute viel mehr als Verkauf. Es geht darum, Chancen früh zu erkennen, kreative Lösungen zu entwickeln und daraus echten Mehrwert für Kunden und Region zu schaffen. Genau das macht den Beruf für mich so spannend.

Was gefällt dir außerdem an deiner Tätigkeit? Wie wichtig ist Kreativität für dich und dein Team?

Kraus: Besonders schätze ich die Vielfalt und die Arbeit mit Menschen. Bei uns gleicht kein Tag dem anderen – genau das macht die Aufgabe so spannend. Besonders stolz bin ich auf unser Team: Viele Kolleginnen und Kollegen kommen selbst aus der Region, kennen die Menschen und Unternehmen hier sehr gut und bringen genau dieses Verständnis jeden Tag mit ein. Gleichzeitig wollen wir uns ständig weiterentwickeln, deshalb hat Weiterbildung bei uns einen hohen Stellenwert. Wir arbeiten mit Unternehmen aus ganz unterschiedlichen Branchen zusammen und müssen immer wieder neue Wege finden, wie Botschaften Menschen wirklich erreichen. Kreativität ist dabei enorm wichtig – aber nicht nur im klassischen Sinne von Design oder Werbung. Kreativität bedeutet heute auch, neue Plattformen zu denken, Technologien sinnvoll einzusetzen und individuelle Lösungen für Kunden zu entwickeln. Gerade in einer Zeit, in der Inhalte überall verfügbar sind, wird die Idee dahinter immer entscheidender.

KI kann Prozesse beschleunigen – aber gute Ideen, regionale Nähe und echtes Verständnis für Zielgruppen entstehen immer noch im Team.

Früher hat man „einfach“ Anzeigen verkauft – und heute? Was gehört denn alles zu einem maßgeschneiderten Paket der FN?

Kraus: Natürlich gehören Anzeigen auch heute noch dazu – sie sind nach wie vor ein wichtiger Bestandteil erfolgreicher Kommunikation. Der Unterschied ist aber: Heute denken wir deutlich ganzheitlicher. Es geht nicht mehr um eine einzelne Anzeige, sondern um maßgeschneiderte Lösungen, die Aufmerksamkeit, Vertrauen und messbaren Erfolg für unsere Kunden schaffen. Das kann eine klassische Printkampagne sein, kombiniert mit Online, Social Media, Video, unseren digitalen Werbetafeln - den DOOH-Screens - oder auch spannenden Eventformaten wie unsere erfolgreichen Ausbildungsmessen „Zukunft Karriere“. Entscheidend ist nicht mehr der einzelne Kanal, sondern das intelligente Zusammenspiel verschiedener Medien. Die Herausforderung heute ist: Menschen konsumieren sie völlig unterschiedlich.

Deshalb denken wir crossmedial und vor allem zielgruppenorientiert. Unser Anspruch ist, nicht einfach „nur“ Reichweite zu verkaufen, sondern Relevanz.

Wie erfolgreich sind die DOOH-Screens in der Region?

Kraus: Sehr erfolgreich – vor allem, weil sie Regionalität mit digitaler Dynamik verbinden. Die Screens ermöglichen uns eine schnelle, flexible und aufmerksamkeitsstarke Ansprache direkt im Alltag der Menschen. Gerade regionale Unternehmen schätzen, dass sie ihre Botschaften modern und kurzfristig platzieren können – und trotzdem in einem vertrauenswürdigen regionalen Umfeld sichtbar bleiben. Für viele Kunden ist genau diese Kombination aus digitaler Geschwindigkeit, Nachhaltigkeit und regionaler Nähe in Verbindung mit redaktionellen Inhalten extrem wertvoll.

Wie wichtig ist das herkömmliche Kundengespräch überhaupt noch? Reicht heutzutage nicht einfach ein Post bei Instagram?

Kraus: Social Media ist wichtig – keine Frage. Aber ein einzelner Post ersetzt keine echte Strategie und schon gar keine persönliche Beratung. Das Kundengespräch ist heute vielleicht sogar wichtiger als früher, weil die Medienwelt deutlich komplexer geworden ist. Unternehmen brauchen Orientierung: Welche Kanäle passen? Welche Zielgruppen erreiche ich wo? Welche Inhalte funktionieren wirklich? Genau dafür braucht es Erfahrung und Vertrauen. Algorithmen liefern Daten – Menschen schaffen Vertrauen. Und gerade im regionalen Umfeld bleibt diese persönliche Beziehung ein entscheidender Erfolgsfaktor.

Wie stehst du persönlich der KI gegenüber? Wo siehst du ihre größten Chancen?

Kraus: Ich sehe KI sehr positiv – vor allem als enorme Chance für Effizienz, Geschwindigkeit und neue kreative Möglichkeiten. Künstliche Intelligenz wird die Mediavermarktung massiv beschleunigen. Der Mensch, der versteht, was für Kunden und Regionen wirklich relevant ist, bleibt jedoch nach wie vor im Mittelpunkt. KI kann uns helfen, Inhalte schneller zu erstellen, Kampagnen besser auszusteuern oder Zielgruppen präziser zu analysieren. Aber Nähe, Vertrauen, Verbundenheit und die persönliche Beratung lassen sich nicht automatisieren.

Die Zukunft gehört aus meiner Sicht nicht den Unternehmen mit der besten KI, sondern denen, die Technologie intelligent mit menschlicher Erfahrung verbinden.

Die Strategen hinter Zeitung und Briefzustellung

Fränkische Presse: Manuela Hofmann und Marcel Surrey steuern ein logistisches Netzwerk für die gesamte Region. Von Klaus T. Mende

Wenn viele noch schlafen, beginnt für sie der „Hochleistungssport“. Zwischen Routenplanung und dem ersten Vogelgezwitscher sorgen Manuela Hofmann und Marcel Surrey mit ihrem rührigen und engagierten Team dafür, dass die Menschen in der Region Tauber-Odenwald informiert in den Tag starten. Ein Besuch bei den Strategen der Zustellung, die weit mehr bewegen als nur Papier.

Doppelspitze Manuela Hoffmann und Marcel Surrey

Es ist dieser eine Moment, kurz vor 4 Uhr morgens, den die meisten Menschen nur aus tiefstem Schlummer kennen. Die Luft ist kühl, die Straßen sind leer, die Stille über der Region wird nur vom fernen Brummen eines Transporters unterbrochen. Während die digitale Welt niemals schläft, bereitet sich hier die analoge Welt auf ihren „großen Auftritt“ vor. Mittendrin: die Mannschaft von Manuela Hofmann und Marcel Surrey. Sie sind die Doppelspitze der Fränkischen Presse, einer hundertprozentigen Tochter der Fränkischen Nachrichten. Und sie verantworten ein logistisches Uhrwerk, das jeden Tag aufs Neue präzise funktionieren muss. Manuela Hofmann ist „das Gesicht" der Beständigkeit. 1986 begann sie ihre Ausbildung bei den Fränkischen Nachrichten als Verlagskauffrau. Heute, fast vier Jahrzehnte später, gilt sie als die operative Seele der Fränkischen Presse. „Ich habe damals die FN - Post mitaufgebaut“, erinnert sie sich. Wer mit ihr spricht, merkt schnell: Hier sitzt keine Verwalterin, sondern viel eher eine Gestalterin. Hofmann ist so tief im Thema, dass sie anlässlich der Einführung des Mindestlohns 2015 die Software für die Lohnabrechnung und den Innendienst teilweise selbst programmiert hat. „Ich wüsste gar nicht genau, was ich den ganzen Tag mache, weil so vieles für mich normal ist“, sagt sie bescheiden. Doch beim Blick auf ihr Aufgabengebiet wird klar: Sie jongliert mit Qualitätsmanagement, Gebietsleitungen und Effizienzberechnungen. Ihr Ziel sei es, ihr vielseitiges Arbeitsfeld so klug wie möglich zu nutzen, ohne dass die Qualität leide. „Ich denke mir ständig Möglichkeiten aus, wie man noch effizienter arbeiten kann.“ An ihrer Seite agiert Marcel Surrey. Seit rund sechs Jahren ist der 46-Jährige bei der HAAS-Mediengruppe und verantwortet die Gesamtlogistik. Er ist der Stratege, der den Blick von Mannheim nach Tauberbischofsheim richtet. Sein Fokus liegt auf der Vernetzung und der Modernisierung. „Wir arbeiten mit hochmodernen Geoinformationssystemen“, erklärt Surrey. „Wir überplanen ständig unsere Bezirksstrukturen, um sicherzustellen, dass wir keine Laufwege verschenken. Doch Technik ist bei der Fränkischen Presse kein Selbstzweck. Surray ist stolz darauf, dass Innovationen aus der Region nun auch in der Großstadt Einzug halten: „Das Tool zur Bezirksplanung haben wir hier in Tauberbischofsheim so erfolgreich eingesetzt, dass wir es nach Mannheim übernommen haben.“ Aktuell experimentiert das Team sogar mit einer Logistik-KI, um Bewerbungsprozesse zu beschleunigen und Besetzungsvorschläge für freie Bezirke automatisch zu generieren. „Aber“, schränkt Surrey ein, „bei aller Liebe zur KI: Den Menschen an der Haustür wird sie niemals ersetzen.“ In einer Zeit, in der oft nur das Negative wahrgenommen werde, rückt Marcel Surrey eine Zahl in den Fokus, die ihn sichtlich stolz macht: „Jeden Tag werden etwa 99,85 Prozent aller Zustellungen absolut reklamationsfrei durchgeführt.“ Es sei eine beeindruckende Bilanz. Bei rund 400 Zustellern, die jede Nacht auf einer riesigen Fläche unterwegs seien, grenze diese Quote an Perfektion.

Manuela Hofmann und Marcel Surrey bilden die Doppelspitze der Fränkischen Presse. Bild: Klaus T. Mende

Auch mal mit Sorgen und Nöten konfrontiert

Natürlich gebe es auch Nöte und Sorgen, mit denen man sich konfrontiert sehe. Der steigende Mindestlohn sei eine Herausforderung, die Bürokratie nehme stetig zu, und der Nachwuchs an Zustellern sei auf dem Land schwerer zu finden als in einer Großstadt. „Früher kannte auf dem Dorf jeder jeden, da gab es kaum Beschwerden beim Verlag, wenn mal was schiefging“, sagt Hofmann. Heute sei die Erwartung höher. „Wenn es im Winter spiegelglatt ist, kann der Zusteller oft gar nichts dafür, wenn die Anlieferung hakt. Ein wenig mehr Verständnis der Leser für diese extremen Bedingungen wäre manchmal schön“, ergänzt sie. Die Fränkische Presse hat sich längst zum vielseitigen Dienstleister gewandelt. Neben der Tageszeitung werden täglich fünfstellige Mengen an Briefen zugestellt. „Wir haben eine Kooperation mit der Main Post und stellen Briefe im gesamten Main-Tauber- und Neckar-Odenwald-Kreis zu“, erklärt Manuela Hofmann. Dass dem Team vertraut wird, zeige sich bei Großaufträgen wie der Landtagswahl. „Wir haben den Auftrag bekommen, die Wahlbenachrichtigungen und Briefwahlunterlagen zur Landtagswahl zuzustellen“, berichtet Surrey. „Das tut man nur, wenn man weiß, dass die Organisation dahinter absolut zuverlässig ist.“ Trotz der harten Arbeit bei Wind und Wetter betonen beide Geschäftsführer die positiven Seiten des Zusteller-Daseins. Es sei ein Job für Eigenbrötler im besten Sinne, für Menschen, die ihre Freiheit lieben. „Man ist sein eigener Chef, man ist an der frischen Luft, und der oft zitierte Fitness-Effekt ist real“, sagt Marcel Surrey. Viele Zusteller seien seit Jahrzehnten dabei, schätzten die Bewegung und das Gefühl, etwas Wichtiges für die Gemeinschaft zu tun. Und dann sei da noch der persönliche Kontakt, der entgegen mancher Trends doch noch existiere. Besonders zur Weihnachtszeit zeige sich die Verbundenheit der Leser mit „ihren“ Zustellern. „Die Menge an Geschenken und Umschlägen, die wir für unsere Zusteller entgegennehmen und zuordnen, ist jedes Jahr überwältigend“, erzählt Manuela Hofmann mit einem Lächeln. Es sei die stille Anerkennung für eine Arbeit, die meist im Verborgenen stattfinde. Wenn man Hofmann und Surrey nach der Zukunft befragt, blitzt Optimismus in ihren Augen auf. „Unser Ziel ist es, durch effiziente Logistik dafür zu sorgen, dass es das Printprodukt noch viele Jahre gibt“, so Surrey. Die Reportage endet dort, wo sie begonnen hat: Bei den Menschen. Manuela Hofmann, die stolz auf ihre Mannschaft ist, wie sie jeden Tag die Zustellung souverän regelt, auch wenn es mal zahlreiche spontane Ausfälle gibt, „fühlt sich manchmal wie 100“, wie sie schmunzelnd meint. Aber man sieht ihr an, dass sie für diesen Job brennt. Und Marcel Surrey, der den Spagat zwischen Finanzen und operativer Steuerung meistert, ist sich sicher: „Wir sitzen alle im gleichen Boot. Wenn wir gemeinsam rudern, bleibt die Fränkische Presse in sicheren Gewässern.“ Wenn die Leser also frühmorgens die Zeitung aus dem Kasten holen oder einen Brief öffnen, sollten sie kurz an die gut 400 Nachtschwärmer und das Team in Tauberbischofsheim denken. Denn hinter jeder Nachricht steckt ein logistisches Meisterstück, das weit mehr ist als nur Tinte auf Papier.

Wenn’s brennt, klemmt oder crasht: Sven und Marcus regeln’s

Die beiden Mitarbeiter Sven Lehmann und Marcus Kospach sind so etwas wie die Männer für alle Fälle. Ob tropfender Wasserhahn, streikendes Internet, Umbauarbeiten oder spontane Notfälle: Sie sorgen im Hintergrund dafür, dass der Laden läuft – und damit auch dafür, dass die Zeitung produziert werden kann.

Sven und Marcus, ihr zwei seid bei den FN die Männer für alle Fälle. Wie habt ihr hier eigentlich angefangen?

Marcus: Bei mir war es ganz klassisch: Die FN haben einen Hausmeister gesucht, und ich habe vorher schon in dem Bereich gearbeitet. Außerdem wollte ich beruflich etwas näher an meinen Wohnort rücken. Heute komme ich sogar das ganze Jahr über mit dem Fahrrad zur Arbeit – bei fast jedem Wetter.

Sven: Ich bin mit den FN praktisch groß geworden. Früher war ich im Ladenbau, Projektbau und Einkauf tätig und wollte mich beruflich neu orientieren. Dann habe ich die Ausschreibung für die Leitung im Facility Management gesehen und mich beworben. Kurz darauf kam noch die IT dazu. Nach einer Schulung habe ich diesen Bereich ebenfalls übernommen. Heute landet im Grunde alles auf meinem Tisch, was außerhalb der redaktionellen Arbeit anfällt.

Was ist das Erste, was euch in den Kopf kommt, wenn ihr an eure Arbeit bei den FN denkt?

Marcus: Abwechslungsreich – und manchmal auch ziemlich wild. Besonders die Ausbildungsmesse in Osterburken ist mir im Kopf geblieben. Da mussten wir wegen einer terminlichen Änderung morgens um fünf Uhr aufbauen und direkt nach der Messe wieder abbauen. Das war schon ein sehr langer Tag.

Sven: Für mich steht die Umbauwoche in Bad Mergentheim ganz weit vorne. In nur einer Woche wurden dort drei Stockwerke komplett neu gemacht – ausräumen, Böden, Elektrik, streichen, wieder einräumen, anschließen. Da kamen bei mir fast 70 Stunden zusammen.

Was ist so die verrückteste Geschichte, die du bisher umgesetzt hast, Sven?

Sven: Ein echtes Großprojekt war der Umbau unseres Serverraums. Eigentlich hieß es immer, das sei technisch kaum machbar. Ich habe mich dann intensiv eingearbeitet, alles aufgenommen, mit Mannheim abgestimmt und den Umbau organisiert. Samstagmittag haben wir gestartet und Samstagnacht lief alles wieder. Dass das ohne Probleme funktioniert hat, war für mich persönlich schon ein echtes Highlight.

Und dann gibt es natürlich noch viele andere Fälle: etwa Umbauten in Buchen oder Wertheim, spontane Einsätze, bei denen ich im Urlaub in England per Telefon alles koordinieren musste oder Situationen, in denen wir mit etwas Kreativität viel Geld gespart haben. Genau das macht für mich den Reiz aus.

Sven, du bist heute IT-ler und Gebäudemanager, Marcus, du bist Hausmeister. Was macht ihr heute, das so sicher nicht in eurer ursprünglichen Stellenausschreibung stand?

Marcus: Bei mir passt vieles schon noch zum klassischen Hausmeisterjob – aber eben in einer deutlich größeren Bandbreite.

Sven: Bei mir ist die Liste lang. Von IT-Problemen über Baukoordination bis hin zu kompletten Umbauten ist alles dabei. Genau das macht den Job aber auch spannend.

Hand aufs Herz: Wer von euch wird öfter mit einem „Kannst du mal kurz …?“ abgefangen?

Sven: Ganz klar ich. Eigentlich kann ich kaum durchs Haus laufen, ohne angesprochen zu werden. Oft bin ich noch nicht einmal richtig angekommen, da geht es schon los mit: Bildschirm geht nicht, Headset spinnt, Telefon streikt.

Marcus: Das ist mein Vorteil: Ich bin meistens sehr früh da. Da habe ich morgens noch ein bisschen Schonzeit.

Und wie oft wird aus dem „ganz kurz“ dann doch eine längere Geschichte?

Sven: Regelmäßig. Ich habe schon oft meinen Kaffee unter die Maschine gestellt und war dann drei Stunden unterwegs. Die Kollegen wissen inzwischen Bescheid und stellen mir dann manchmal sogar meine Tasse auf den Schreibtisch.

Wie viel Herzblut steckt in eurer Arbeit?

Marcus: Schon sehr viel. Wenn ich etwas angefangen habe, will ich es auch ordentlich fertigbekommen.

Sven: Das merkt man im Alltag. Wir machen vieles selbst, um Kosten zu sparen und weil wir wissen, dass es am Ende funktionieren muss. Da bringen wir auch mal eigenes Werkzeug mit oder bleiben länger, wenn es nötig ist. Uns geht es darum, dass der Betrieb läuft.

Was hat sich in eurer Arbeit in den vergangenen Jahren verändert?

Sven: Sehr viel ist digitaler und strukturierter geworden. Ich habe etwa eine Datenbank mit Maßen, Plänen und Übersichten aufgebaut. Früher lief vieles noch über Ordner und einzelne Ablagen. Gleichzeitig wird die Technik natürlich immer umfangreicher.

Marcus: Bei mir war das größte Thema Struktur. Ich habe das Lager Schritt für Schritt so aufgebaut, dass man ordentlich und effizient arbeiten kann. Da gibt es zwar noch Projekte, aber es ist schon viel passiert.

Wenn bei den FN mal einen Tag lang wirklich gar nichts kaputtgehen, ausfallen oder klemmen würde – würdet ihr das genießen oder misstrauisch werden?

Marcus: Ich würde mich freuen. Dann könnte man endlich mal Arbeiten erledigen, die im Alltag oft liegen bleiben.

Sven: Ganz ehrlich: Ein bisschen komisch wäre es schon. Aber wenn niemand meckert und alles läuft, dann ist das eigentlich das größte Kompliment für uns. Dann wissen wir, dass wir unseren Job gut gemacht haben.

Wo seht ihr die FN in zehn Jahren?

Sven: Die FN werden sich weiter verändern. Ich glaube, digitale Angebote und Veranstaltungen werden noch wichtiger. Aber ich bin überzeugt: Die FN wird es weiter geben – nur mit anderen Schwerpunkten.

Marcus: Und irgendetwas zu reparieren, umzubauen oder neu einzurichten gibt es dann ganz sicher auch noch.

Was ist eure größte Erkenntnis bisher bei den FN?

Marcus: Dass man nie auslernt. Es gibt immer wieder neue Situationen, für die man Lösungen finden muss.

Sven: Flexibilität und Kreativität sind das A und O. Gerade bei Aufgaben, von denen erst einmal alle sagen, dass sie nicht machbar sind, merkt man oft: Mit Einsatz und guter Planung geht doch mehr, als man denkt.

Weltmarktführer gestalten die Fabrik der Zukunft

Globale Marktführer setzen auf künstliche Intelligenz und eigene Energie. Daten zeigen, warum der ländliche Raum trotz Personalmangels stabil bleibt.

Die wirtschaftlichen Rahmendaten des Main-Tauber-Kreises weisen im Sommer 2026 auf eine stabile Ausgangslage im landesweiten Vergleich hin. Nach den aktuellen Erhebungen der IHK Heilbronn-Franken für das erste Quartal des laufenden Jahres verzeichnet der Landkreis nach dem Kreis Schwäbisch Hall die meisten positiven Lageeinschätzungen von Unternehmen in der gesamten Region. Mit einer Arbeitslosenquote von 3,8 Prozent im April 2026 liegt die hiesige Wirtschaft spürbar unter dem baden-württembergischen Durchschnitt von 4,7 Prozent, während die Zahl der offenen Stellen zeitgleich um 33 Prozent über dem Vorjahresmonat liegt. IHK-Hauptgeschäftsführerin Elke Döring bilanziert dazu: „Der Main-Tauber-Kreis steht im Vergleich insgesamt noch solide da. Die Industrieunternehmen können sich in der anhaltend schwierigen wirtschaftlichen Gesamtlage überdurchschnittlich behaupten.“ Die langfristige Entwicklung dokumentiert ein kontinuierliches Wachstum der regionalen nominalen Wirtschaftskraft. Nach den Daten des Statistischen Landesamtes betrug das Bruttoinlandsprodukt (BIP) des Kreises im Jahr 1991 noch rund 3,075 Milliarden Euro. Bis zum Jahr 2023 ist dieser Wert auf 6,524 Milliarden Euro angewachsen. Das Fundament dieser Leistung bildet unverändert das Produzierende Gewerbe: Von der gesamten Bruttowertschöpfung des Kreises in Höhe von 5,956 Milliarden Euro entfallen 2,395 Milliarden Euro auf die Industrie. Mit einem Industrieanteil von 40,21 Prozent übertrifft der Main-Tauber-Kreis den baden-württembergischen Landesdurchschnitt von 39,17 Prozent. Gleichwohl steht diese industrielle Basis vor tiefgreifenden strukturellen Anpassungen. Die hiesigen Betriebe müssen in den kommenden zwei Jahrzehnten ihre historisch gewachsene Struktur mit den Anforderungen der Digitalisierung, veränderten Bedingungen auf dem globalen Arbeitsmarkt und den Vorgaben der Energiewende verknüpfen. Marcel Stephan, Leiter des Amtes für Wirtschaft und Klimaschutz beim Landratsamt, betont: „Es gilt, die bestehenden Stärken erfolgreich mit den Anforderungen von Digitalisierung, Nachhaltigkeit und globalem Wettbewerb zu verbinden und zukunftsfähig weiterzuentwickeln.“

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„Wir stehen an einem Wendepunkt“

Als Dienstleister steht die IHK Heilbronn-Franken den rund 65.000 Mitgliedsbetrieben bei den unterschiedlichsten Fragestellungen zur Seite. Ein Zukunftsziel: Man will helfen, die Region zum Zentrum für angewandte KI zu machen. Von Diana Seufert

Wirtschaftsförderung mit all ihren Facetten ist seit Jahrzehnten das Leitmotiv der Industrie- und Handelskammer Heilbronn-Franken. In der aktuellen Phase haben die Betriebe mit ganz unterschiedlichen Herausforderungen zu kämpfen, wie Hauptgeschäftsführerin Elke Döring im Interview deutlich macht. Die reichen von geopolitischen Veränderungen über den Einsatz von KI in den Unternehmen bis zu Neugründungen.

Frau Döring, wie versteht sich die IHK Heilbronn-Franken heute als Dienstleister und Begleiter für die Unternehmen in der Region?

Elke Döring: Wir fördern Wirtschaft – an diesem Leitsatz hat sich nichts geändert. Wir vertreten die Interessen von rund 65.000 Mitgliedsbetrieben und unterstützen sie in ganz unterschiedlichen Bereichen. Natürlich bei allen Fragen rund um Ausbildung und Prüfung. Wir beraten und qualifizieren, helfen bei der Unternehmensgründung oder wenn es darum geht, neue Zollrichtlinien zu beachten. Unsere Unternehmen erwarten von uns aber auch, dass wir stärker, als das noch vor Jahren notwendig war, ihre Herausforderungen gegenüber der Politik artikulieren und in politische Entscheidungsprozesse einfließen lassen. Es geht darum, dass die Politik die Sorgen und Nöte der Wirtschaft versteht und im Sinne der Unternehmen handelt.

Welche Themen und Herausforderungen bewegen Ihre Mitgliedsunternehmen derzeit besonders stark?

Döring: Unsere Unternehmen stehen vor Herausforderungen, wie sie sie seit Jahrzehnten nicht erlebt haben. Ganz ohne Zweifel stehen wir an einem Wendepunkt. Die alte Ordnung funktioniert nicht mehr. Die geopolitische Lage hat sich massiv verschoben. Lange als sicher geglaubte Märkte erodieren. Handelsbarrieren werden nicht ab-, sondern aufgebaut. Demokratien geraten unter Druck und wirtschaftspolitische Rahmenbedingungen sind nicht mehr verlässlich. Das alles trifft unsere industriell geprägte und exportorientierte Region mit voller Härte. Noch dazu in einer Zeit des radikalen Umbruchs durch die digitale Transformation.

Welche Rolle spielt Künstliche Intelligenz aus Ihrer Sicht inzwischen in den Unternehmen der Region – und wo sehen Sie noch ungenutzte Chancen?

Döring: Künstliche Intelligenz ist der Schlüssel zu nahezu allem. Wer als Unternehmen nicht auf KI setzt, hat schon verloren. Unsere Unternehmen haben das erkannt. Ihr vielleicht entscheidender Wettbewerbsvorteil ist, dass direkt in ihrer Nachbarschaft ein einzigartiges KI-Ökosystem heranwächst – mit dem IPAI, der Hochschule und den Forschungsinstituten, die sich allesamt mit angewandter KI-Technologie beschäftigen. Damit haben die Betriebe in Heilbronn-Franken den unmittelbaren Zugang zur wichtigsten Zukunftstechnologie.

Was sind aktuell die größten Hürden für Unternehmen beim Einstieg in oder beim Ausbau von KI – etwa fehlendes Know-how, Kosten, Datenschutz oder rechtliche Unsicherheit?

Döring: An Ideen mangelt es den Unternehmen nicht, aber oft ist die Umsetzung ein Problem. Ja, das Know-how ist sicher ein Thema, vor allem in kleinen und mittleren Betrieben. Dabei geht es einerseits darum, dass die Unternehmen für sich passende KI-Anwendungen ausfindig machen und andererseits, die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter mitzunehmen, also das Personal fit zu machen. Wir helfen den Unternehmen dabei, die richtigen Partner zu finden.

Wie unterstützt die IHK Heilbronn-Franken Unternehmen ganz konkret dabei, neue Technologien wie KI sinnvoll und praxisnah einzusetzen?

Döring: Indem wir Menschen zusammenbringen. Wir schaffen Netzwerke und bieten Orientierung im KI-Ökosystem. Unser KI-Transferoffice im IPAI baut die Brücke zwischen mittelständischen Unternehmen in der Region und den Entwicklern und Anwendern im Innovationspark. Mit unserer Unterstützung finden die Unternehmen Partner, die passgenaue Lösungen anbieten können. Mehr noch: Wir qualifizieren Unternehmen sowie deren Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter, bieten Seminare und Fortbildungen an. Und wir nutzen unsere gewachsenen Strukturen, um den Betrieben Zugang zu anwendungsorientierter KI-Forschung zu ermöglichen, zum Beispiel zu den Heilbronner Fraunhofer-Instituten. Wir haben eine eigene, ganz auf die Region ausgerichtete Webseite, auf der Unternehmen alles erfahren, was sie zu KI in Heilbronn-Franken wissen müssen.

Welche Rolle spielt KI aus Ihrer Sicht bei der Bewältigung des Fachkräftemangels und beim Wandel von Arbeitsplätzen in der Region?

Döring: KI ist ein wichtiges Instrument gegen den Fachkräftemangel, aber sicher kein Allheilmittel. Entscheidend ist, dass KI gewinnbringend eingesetzt wird, dass die Unternehmenskultur entsprechend ausgerichtet wird und die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter den Weg mitgehen.

Welche Bedeutung haben Start-ups und junge Gründungen für die wirtschaftliche Entwicklung und Innovationskraft von Heilbronn-Franken?

Döring: Für Heilbronn-Franken gilt wie für jede Region: Start-ups sind ein zentraler Treiber für die Zukunftsfähigkeit des Standorts, weil sie neue Technologien und Geschäftsmodelle in traditionell geprägte Strukturen einbringen. Und auch Start-ups finden in Heilbronn und der Region ideale Bedingungen. Regionale Netzwerke, Initiativen wie die Campus Founders, die Hochschule und Institute bieten für Start-ups gute Voraussetzungen, die nötigen Kontakte zu schaffen, um ein Geschäftsmodell zum Erfolg zu bringen. Ich kenne Start-ups, die Heilbronn den großen Metropolen als Standort vorgezogen haben, weil sie davon ausgehen, dass sie ihre Geschäftsidee hier besser entwickeln können.

Was können etablierte Unternehmen und Start-ups in der Region aus Ihrer Sicht voneinander lernen?

Döring: Beide können in Heilbronn Franken vor allem lernen, ihre jeweiligen Stärken gezielt zu kombinieren: Start-ups stehen für Geschwindigkeit, neue Technologien und innovative Geschäftsmodelle, während der Mittelstand Erfahrung, Marktkenntnis und Umsetzungskraft einbringt. Entscheidend ist, diese Perspektiven frühzeitig zusammenzuführen – etwa in Formaten wie „Startup trifft Mittelstand“ der baden-württembergischen IHKs, die den Austausch gezielt fördern. So erhalten Unternehmen Zugang zu neuen Impulsen, während Start-ups von realen Anwendungen und Marktzugang profitieren.

Wenn Sie auf die kommenden fünf bis zehn Jahre blicken: Welche Rolle möchten Sie als IHK für die wirtschaftliche Zukunft von Heilbronn-Franken spielen?

Döring: Die Welt ist in derartig im Umbruch, dass es nahezu unmöglich ist, einen seriösen Blick auf die nächsten fünf bis zehn Jahre zu richten. Wie entwickeln sich die Kriege und Konflikte auf der Welt? Sehen wir uns womöglich einer ganz neuen Bedrohungslage ausgesetzt? Wie geht es mit der Weltwirtschaft weiter? Mit Bestimmtheit kann das niemand sagen. Aber wir können und müssen uns auf die verschiedenen Szenarien vorbereiten. Die IHK tut das, indem sie das Thema resiliente Wirtschaft und sichere Region zu einem Kern ihrer Strategie 2030+ gemacht hat. Aber auch in fünf bis zehn Jahren wird die IHK noch immer Wirtschaft fördern, sicher mit deutlich anderen Schwerpunkten und unter neuen Rahmenbedingungen. Vielleicht haben unsere Unternehmen aber auch ein paar Aufgaben weniger, weil unsere ständigen Appelle zum Bürokratieabbau umgesetzt wurden. Vor allem aber wollen wir in fünf bis zehn Jahren dazu beigetragen haben, dass der Standort Heilbronn-Franken zukunftssicher aufgestellt ist, die Unternehmen wettbewerbsfähig sind, investieren und gemeinsam mit dem KI-Ökosystem Heilbronn-Franken zum europäischen Zentrum für angewandte KI gemacht haben.





Montreal 1976 - Gold, Silber und das Radio

Alexander Pusch: Erinnerungen an einen magischen Olympia-Sommer, ein legendäres Finale und den Glanz vergangener Tage. Von Klaus T.Mende

Montreal, 1976. Ein heißer Sommer. In Tauberbischofsheim sitzt eine junge Frau namens Ute in der Küche von Emil Beck und presst die Hände ans Ohr. Aus dem Radio rauscht der Kommentar aus Kanada. Es ist das olympische Degen-Finale. Auf der Planche stehen sich nicht irgendwer gegenüber. Es ist das Duell Alexander Pusch gegen Jürgen Hehn. Zwei Freunde. Zwei Vereinskollegen. Ein Kampf um die sportliche Unsterblichkeit.

„Jürgen war damals mein großes Vorbild”

„Ach, das ist heute überall im Sport so“, winkt Alexander Pusch heute ab, wenn man ihn auf die psychologische Extremsituation von damals anspricht. „Ob beim Tennis oder im Golf: Der Bessere gewinnt. Jürgen war damals mein großes Vorbild. Er war zehn Jahre älter, er hat mich mit großgezogen. Klar ist der Zweite im ersten Moment enttäuscht, aber am Ende war die Freude bei uns beiden riesig. Denn wir hatten etwas Seltenes erreicht.“ Pusch war damals gerade 21 Jahre alt, ein Jahr zuvor war er der jüngste Degenweltmeister der Geschichte geworden. Ein kometenhafter Aufstieg, der so zunächst nicht zu erwarten war – und der den ehrgeizigen Youngster selbst aber erstaunlich kaltließ. Während Pusch in der kanadischen Metropole als jüngster Olympiasieger aller Zeiten Sportgeschichte schrieb, herrschte in seiner Heimatstadt Tauberbischofsheim der absolute Ausnahmezustand. Weil die Gefechte im Fernsehen wegen Zeitverschiebung und Übertragungsrechten nicht live zu sehen waren, drängte sich die Fecht-Familie im Haus von Trainer-Legende Emil Beck um das Radio. Ute Pusch, damals seit zwei Jahren an Alexanders Seite, erinnert sich hautnah an das kollektive Zittern: „Das ZDF war bei Emil im Haus und hat uns live gefilmt, während wir im Radio die Gefechte verfolgt haben! Die Frau von Jürgen (Hehn), die Karin (Beck), ich und ein paar Freunde der Familie waren da. Das kam dann alles so im Fernsehen.“ Als das "Double" schlussendlich perfekt war – Gold für Pusch, Silber für Hehn –, brachen alle Dämme. Die Nachricht vom Triumph des Taubertals verbreitete sich wie ein Lauffeuer. Ute Pusch wurde gewissermaßen vom Fleck weg zum "Medienstar" wider Willen: „Mich haben sie vom Büro aus mit dem Chauffeur abgeholt! Der ist nach Wertheim gefahren, hat mich vom Schreibtisch geholt und ist mit mir ins ,Aktuelle Sportstudio' nach Mainz gefahren. Da saß schon der ganze Vorstand vom Fechtzentrum.“ Die Heimfahrt mitten in der Nacht wurde dann zum Triumphzug. „Wir sind von Mainz nach Tauberbischofsheim im Auto mit TBB auf dem Kennzeichen gefahren – und viele Autos auf der Autobahn haben uns ununterbrochen angehupt! Das war der pure Wahnsinn!“ Nicht zu vergessen jene 30.000 stolze Fans, die sich nach Olympia zum großen Empfang mit Autokorso in der Kreisstadt eingefunden hatten. Doch der Glanz von Montreal war teuer erkauft. Er basierte auf einem System, das sportliche Härte zur Kunstform erhob. Emil Beck regierte die Kaderschmiede mit eiserner Hand. Harmonisch ging es auf der Planche selten zu. Alexander Pusch erinnert sich schmunzelnd an die psychologischen Tricks des Meistermachers: „Emil konnte das wunderbar inszenieren, dass man sich sogar im Training wettkampfmäßig gefochten hat. Er hat die Leute sogar heimlich mit einer neuen Klinge bestochen, wenn sie mich schlagen – nur um Anreize zu setzen.“ Gefochten wurde gnadenlos, von Dienstag bis Sonntag – durchgehend. „Die Hallen waren früher voll mit 30, 40 Fechtern. Auch die Damen mussten sich mit uns Männern duellieren, um davon in ihren Wettkämpfen zu profitieren“, erzählt der 71-Jährige. Für ihn und seine Kollegen war Beck jedoch weit mehr als ein Schleifer: „Er war als Trainer ein harter Hund, ein sehr harter Hund sogar, aber auch erfolgreich. Und als Mensch war er für uns wie ein Ziehvater. Harald Hein, Thomas Bach, Matthias Behr und ich sind ohne Vater groß geworden. Und da ist Emil Beck in die Vaterrolle hereingerutscht. Er hat sich für uns alle eingesetzt und uns unterstützt.“ Heute, genau ein halbes Jahrhundert später, ist von diesem unbedingten Siegeswillen im deutschen Fechtsport nur noch wenig übrig. In den Hallen ist deutlich weniger los, Olympia- oder WM-Qualifikationen werden reihenweise verpasst. Ein Zustand, der dem „Fechter des Jahrhunderts“ wehtut.

“Das System EmilBeck war wunderbar”

„Das System Emil Beck war wunderbar, weil jeder Trainer im Verein die gleiche Lektion weitergegeben hat. Das ist jetzt anders. Heute hast du zehn Trainer mit zehn verschiedenen Methoden. Das ist im Kopf viel zu kompliziert“, kritisiert Pusch die aktuellen Strukturen. Es fehle an einer klaren Führungspersönlichkeit. „Du brauchst immer einen Chefkoch in der Küche. Wenn da zwei, drei sind, ist es schlecht. Zu viele Köche verderben bekanntlich den Brei.“ Alexander Pusch, als Bundestrainer 1996 in Atlanta und 2000 in Sydney bei Olympia dabei, blickt indes voller Wehmut auf die veränderte Medienlandschaft. Früher reichte ein Anruf, um die Ergebnisse in die Welt zu tragen: „Wir mussten früher nachts alles per Fax noch wegschicken an die Agenturen, damit es am Montag in der Zeitung steht. Emil Beck sagte immer: Ein Wettkampf, über den man nicht berichtet, hat nicht stattgefunden. Heute siehst du gar nichts mehr in der Presse. Es ist wirklich bedauerlich, was vorgefallen ist. Es gibt niemanden mehr, der sich dafür einsetzt." Was bleibt, ist die Erinnerung an einen Sommer im Jahr 1976. An das Rauschen eines Radios in einer kleinen Beckschen Küche im Taubertal, das eine neue Zeitrechnung des deutschen Sports einläutete. Und an die beiden Freunde Pusch und Hehn, die auf der Planche um alles kämpften und als Legenden ins Taubertal zurückkehrten.